Stimmtherapie für Transfrauen: Viel üben ist eine Grundvoraussetzung

Posted on März 21, 2017 by Ellen Defrancq

Stimmtherapie ist für Transfrauen fast genauso wichtig wie eine Operation, die das Gesicht feminin gestaltet. Das meint Katrien Eerdekens, Logopädin bei der 2pass Clinic in Antwerpen. Zusammen mit Danielle Lang entwickelte sie die 2pass Clinic Voice App mit Sprech- und Stimmübungen für Transfrauen (siehe Foto). Aber Stimmtherapie ist mehr, als nur eine praktische App. In diesem Interview erzählt Katrien, was alles hinzukommt. „Meine Transfrauen sind die motiviertesten Patienten!“

Katrien, kannst Du kurz zusammenfassen, was Stimmtherapie bedeutet?

Voice App 2pass Clinic

„Das bedeutet, dass wir wirklich an der Feminisierung der Stimme arbeiten. Ziel ist, dass sich die Patientin nach dem Abschluss der Stimmtherapie selbstsicherer fühlt und sich mit ihrer Stimme an die Öffentlichkeit traut. Zuerst lege ich den Fokus darauf, wie die Stimme funktioniert. Auf jeden Fall gehe ich auf das Thema Resonanz ein. Ein Mann spricht mehr mit Brustresonanz, während eine Frau dies mehr mit Kopfresonanz macht. Vor diesem Hintergrund kreiere ich eine höhere Tonhöhe. Bei einer Frau liegt diese bei 200 Hz, bei einem Mann um die 120. Es ist nicht so, dass die Patientin die 200 Hz sicher trifft. Oft sind sie schon mit 165-185 sehr zufrieden, also der genderambigen Zone. Das kann ausreichend sein. Auch die Artikulation ist ein wichtiger Aspekt. Frauen sprechen markiger, benutzen ihre Zunge und ihre Lippen mehr. Der Klang wird mehr nach vorne projiziert. Daneben gehen wir auch eingehend auf die Intonation ein. Frauen haben eine sehr fluktuierende Intonation, während Männer eher monoton und flach sprechen. Selbstverständlich kommt auch die non-verbale Kommunikation zur Sprache. Wie ist deren Haltung? Wie sieht diese aus? Benutzen Sie ihre Hände beim Sprechen? Letzteres machen Frauen viel mehr. Auch darauf achte ich. Ich bin vor allem ein Trainer. Ich helfe Menschen bei der Suche nach ihrer neuen Stimme, aber natürlich bin ich nicht immer anwesend. Daher möchte ich nach dem Ende der Stimmtherapie, dass sie weiterhin ihre eigene Stimme steuern und trainieren können.“

Sind die Unterschiede zwischen Männer- und Frauenstimmen vor allem körperlich begründet?

„Auf jeden Fall. Ein Mann hat einen größeren Vokaltrakt. Jeder Mensch hat einen Larynx, das ist der Teil, in dem sich die Stimmbänder befinden. Bei einem Mann sind die Stimmbänder länger und dicker. Mehr Masse ergibt einen tieferen Klang. Daran kann ich nichts verändern. Nur mit einer Stimmoperation ist dies möglich. Die Mundhöhle und die Nasenhöhle sind bei einem Mann größer. Diesen Klang können wir umformen und die Artikulation anpassen. Ziel ist, dass der Larynx höher in der Kehle liegt, damit auch die Resonanzhöhlen eine andere Form erhalten und die Patientinnen somit weiblicher klingen.“

Macht es einen Unterschied, ob man gegenüber einem weiblichen oder einem männlichen Logopäden sitzt?

„Natürlich hat das einen Einfluss. Ich bin davon überzeugt, dass sehr viele männliche Kollegen eine Stimmer perfekt weiblich machen können, wenn sie diese sehr gut vormachen können. Ein Logopäde ist ein Vorbild, das richtigen Stimmgebrauch vormacht. Natürlich mache ich das automatisch gut, da ich eine Frau bin, aber dafür habe ich auch sehr hart geübt. Aus diesem Grund gibt es auch eine Voice App. Darin ist auch dieser Klang enthalten, mit Videos und Tonaufnahmen von mir, damit die Patienten mit dieser Vorlage auch zu Hause üben können.“

Der Patient nimmt den Logopäden mit nach Hause.

„Ganz genau. So ist es.“

Stimmoperationen für Transfrauen

Gelingt Transfrauen nur mit Übungen ein gutes Ergebnis?

„Nicht immer. Eine Stimme hängt leider von sehr vielen Faktoren ab. Unsere Stimme ist auch der Stressfänger unseres Körpers. Wenn Menschen gestresst sind, spannen sie sofort die Hals- und Schultermuskulatur an. Transfrauen sind oft mental angespannt. Dies hat einen großen Einfluss. Daher empfiehlt es sich manchmal abzuwarten, bis sie sich wohler in ihrer Haut fühlt. Und selbst dann erzielen wir nicht immer das gewünschte Ergebnis. Das kann viele Gründe haben. Entweder sie üben nicht genug, oder sie haben Angst, die neue Stimme an der Öffentlichkeit zu benutzen. Bei mir in der Praxis und zu Hause klappt es problemlos, aber dann gehen sie zum Bäcker und alles bricht in sich zusammen. Ihre Körperanspannung steigt in diesem Moment so hoch an, dass sie keine Kontrolle mehr über alle diese Höhlen und ihre Muskeln haben. Ich empfehle zuerst immer Logopädie. Wenn man an allen Aspekten hat arbeiten können, aber mit der eigenen Stimme doch nicht weiterkommt und sich unsicher fühlt, kann eine Operation als letzter Schliff die Lösung sein. Damit lässt sich die Tonhöhe anpassen, so dass man sich nur noch auf die Resonanz, die Intonation und die Artikulation konzentrieren muss.“

Bringt eine Operation immer das gewünschte Ergebnis?

Katrien Eerdekens, Stimmtherapeutin
„Das Ergebnis ist meistens ganz in Ordnung. Dennoch sind viele Transfrauen auch dann nicht zufrieden. Eine Operation ist eingreifend. Dabei wird am Stimmapparat gearbeitet und es entsteht Narbengewebe. Dabei werden die Stimmbänder angepasst. Es gibt zwei Operationen, die oft durchgeführt werden. Auf der einen Seite gibt es die Cricotyroidale Approximation oder auch CTA. Die Stimmbänder werden dabei dauerhaft angezogen, wodurch der Klang höher wird. Es handelt sich um eine sehr einfache Operation, die laut HNO-Ärzten fasst immer gelingt. Dabei wird ein Schnitt in den Hals gemacht, der aber gut verheilt. Die Operation hat jedoch auch Nachteile. Die Stimme wird derart festgelegt, dass nur ein Klang möglich ist. Singen ist dann nicht mehr möglich. Man hat nur einen Ton. Dann wird auch das Arbeiten an der Intonation beim Logopäden schwierig. Langfristig lösen sich die Muskeln auch wieder zurück, wodurch die Stimme wieder einfällt.
Eine andere Operation ist die Glottoplastik. Dabei erfolgt kein Schnitt in dem Hals; man geht dabei über den Mond nach innen, wenn der Patient unter Narkose ist. Stimmbänder sind zwei kleine Muskeln. Mit einem Laser wird Narbengewebe erzeugt, wodurch die Stimmbänder kürzer werden. Der Nachteil besteht in der langen Genesungszeit, denn nach der Operation muss man fünfzehn Tage schweigen. Die Glottoplastik ist oft noch mit einer zweiten Behandlung verbunden, bei der man mit einem Laser über die Stimmfalten geht, um sie dünner zu machen. Das hat einen sehr großen Effekt. Es dauert etwas, aber nach sechs Monaten bis zu einem Jahr lässt sich das Ergebnis wirklich sehen und hören. Man kann mit der eigenen Stimme alles machen und diese beim Logopäden gut trainieren. Jedoch sinkt der Stimmbandverschluss. Dadurch tritt eine leichte Heiserkeit ein. Frauen haben mehr Luft auf ihren Stimmbändern und sprechen mehr mit einem Anlauf. Transfrauen finden das meistens sehr schön. Ich persönlich finde das einen kleinen Nachteil, aber sie freuen sich darüber.“

Die Bedeutung von Stimmtherapie

Angenommen werden. Kann man sagen, dass die Stimme vielleicht sogar genauso wichtig ist, wie Facial Feminisation Surgery (gesichtsfeminisierende Operation)?

„Absolut. Das geben Transfrauen auch an. Ich habe mal ein Zitat von Gérard Bauer gefunden: Eine Stimme ist ein zweites Gesicht. Dem stimme ich zu. Das ist für Cisgender der Fall und sicher auch für Transgender. Am Telefon, wenn es kein Gesicht gibt, auf das man schauen kann, verrät man sich als Transfrau. Es gibt zwar Tools, dieser Stimme etwas mehr Schärfe zu geben, damit sie am Telefon besser wirkt. Das ist nicht einfach und oft erst das letzte, was während der Stimmtherapie gelingt. Das ist und bleibt schwierig: am Telefon angenommen werden.“

Wie lange dauert Stimmtherapie, vom Beginn bis zu dem Moment, da der Patient zufrieden ist und angenommen wird?

„Das hängt sehr davon ab, wie gut der Patient zu Hause übt. Der Patient kommt meistens ein oder zwei Mal zu mir. Dann erreichen wir in einem halben Jahr sehr viel. Wenn wir uns danach so regelmäßig treffen, gelingt es, wenn der Patient zu Hause viel übt. Ich habe auch Patienten, die ein bis anderthalb Jahre in Behandlung sind. Diese können ihre Stimme zwar sehr feminin machen, aber ihnen fällt der Übergang ins tägliche Leben schwer. Dann gehen wir zusammen zum Bäcker und bestellen ein Brot. Oder wir schauen zusammen, wie sie eine Präsentation auf der Arbeit machen. Auch dabei helfe ich als Logopädin. Das hängt sehr von den Bedürfnissen ab.“

Ist die Arbeit mit Transgendern angenehm?

„Meine Transfrauen sind die motiviertesten Patienten. Sie wollen an ihrer Stimme arbeiten, geben ihr Bestes, um den Klang zu entdecken und sind von ihrer eigenen Stimme wirklich besessen. Das macht es so besonders. Jemand, der aufgrund eines Stimmbandknotens zum Logopäden muss, findet das schrecklich. Aber Transfrauen wollen das wirklich. Sie hören laufend ihrer Stimme zu und beschäftigen sich damit, was Menschen denken. Das sind sehr dankbare Patienten. Das sind alles prima Frauen!“

Lesen Sie hier mehr über die Voice App von 2pass Clinic

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