Bitte bleiben Sie beharrlich!

Posted on November 12, 2016 by Ellen Defrancq
foto-jolanda

Manchmal grüble ich, wie es gewesen wäre, wenn ich meine Umwandlung vor 40 Jahren gemacht hätte. Jeder verfällt mal in diese Gewohnheit, bedeutungslose hypothetische Gedankenspiele zu machen. Bedeutungslos, weil sich die Vergangenheit nicht ändern lässt. Doch für Menschen, die aktuell in den Schuhen eines verwirrten Teenagers stecken, der mit seiner Geschlechtsidentität kämpft, können diese Überlegungen vielleicht trotzdem nützlich sein.

Anfang der 1970er brachten die Menschen ganz andere Argumente. Schwule und Lesben waren damals in der Gesellschaft noch ganz unten und ihre „Abweichung“ galt als schmutzig, unnatürlich und blasphemisch. Bisexuelle galten als komplett verwirrt und das Konzept „Transgender“ existierte noch gar nicht. Der medizinische Begriff, „Geschlechtsidentitätsstörung“ wurde erst zwanzig Jahre später erfunden. Wenn Sie offiziell als transsexueller Mann oder als transsexuelle Frau anerkannt werden wollen, müssen Sie sich aktuell immer noch auf die Couch legen, damit ein Psychologe ermitteln kann, ob Sie an dieser Anomalie „leiden“ oder nicht. Ohne eine solche Diagnose stehen Ihnen keine weiteren medizinischen Eingriffe und/oder rechtlichen Schritte offen, die Ihnen helfen können, wirklich Sie selbst zu sein.

Mein eigenes Leben wäre mit den heutigen technischen Möglichkeiten und der heutigen Einstellung völlig anders verlaufen.

Vielleicht hätte ich weniger Zeit mit den wenigen Mädchen verschwendet, denen ich meine Gefühle nicht sehr gut mitteilen konnte. Sie hielten mir einen Spiegel vor: Ich wollte nicht wie sie sein! Ich konnte nie verstehen, warum Frauen als das sogenannte „schwache Geschlecht“ gelten. In dieser Hinsicht bedeutete die Mutter meiner Kinder die ultimative Bestätigung meines Respekts für starke Frauen. Sie war es, die mir in einer späteren Stufe meines Lebens beibrachte, wie man eine liebevolle Beziehung zu einer Frau aufbaut. Sie schenkte mir zwei wundervolle Kinder: Eine Tochter, die mich so akzeptiert wie ich bin, aber auch einen Sohn, der mich nicht mehr als transsexuell sehen möchte. Dies quält mich täglich wie ein Messer, das tief in eine Wunde schneidet.

Hätte Jolanda das, wofür sie einsteht, vor 40 Jahren komplett durchgezogen, hätte sie keine Kinder bekommen und hier stünde heute eine Dame, die alles hat, was sie braucht, und vielleicht, wer weiß, sogar einen Mann in ihrem Leben. Oder womöglich wäre sie Radiomoderatorin oder Journalistin geworden, was zu ihrem Studium gepasst hätte.

unbenanntUnd doch werden die Spuren, die ich bei den Menschen, die ich liebe, hinterlassen habe, als egoistische Entgleisung und unverzeihlicher Fehler angesehen. Aus diesem Grund würde ich jungen Menschen auf der Suche nach ihrer wahren Identität stark dazu raten, sich nicht davon beeinflussen zu lassen, was andere ihnen sagen (auch wenn dies oft gut gemeint ist). So lässt sich viel Kummer vermeiden.

Das Leben ist keine bedingte Excel-Formel, die ausgibt, was geschehen wird, wenn Sie sich so oder anders entscheiden. Eines IST jedoch vorhersagbar: Nämlich das es mit Sicherheit eine absolute Katastrophe wird, wenn Sie ein Leben führen, in dem Sie nicht Sie selbst sein können.

Jolanda

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